Langzeitarchivierung ist längst mehr als das bloße Speichern von Daten in einem Storage. Mit dem Heben bisher ungenutzter Datenschätze aus alten Tape-Archiven – Dark Data – stehen Verantwortliche vor ganz neuen Anforderungen. Hier lesen Sie, was dabei zu beachten ist. [...]
GROSSER AUFWAND
Trotzdem bietet auch das keine Gewähr, dass die Bänder auch wirklich noch in Jahrzehnten ausgelesen werden können. Das LTO-Format bietet beispielsweise nur eine Rückwärts-Kompatibilität von zwei Generationen. Das bedeutet, dass spätestens bei Einführung der dritten Generation eine Migration mit Bordmitteln der verwendeten Archivierungslösung notwendig ist. Allerdings zeigt die Praxis, dass viele IT-Mitarbeiter den damit verbundenen Zeitaufwand scheuen, da er meistens mit vielen Arbeitsschritten verbunden ist und oftmals einen gleichgroßen Storage-Space zur zwischenzeitlichen Auslagerung der Daten benötigt. Bei einem umfangreichen Unternehmensarchiv kann das dazu führen, dass man für ein solches Migrations-Projekt leicht mehrere Tage benötigt. Gleichzeitig denken viele Verantwortliche zudem auch darüber nach, ob die bisher genutzte Archivsoftwarelösung noch zeitgemäß ist und ob künftig eine aktuellere Version oder eine komplett neue Lösung eingesetzt werden sollte. Diese Schritte sind allerdings häufig mit großem Aufwand verbunden, sodass IT-Verantwortliche schnell Gefahr laufen, die ganze Sache zu vergessen und im Schreibtisch verschwinden zu lassen.
Allerdings ist weder das Aufschieben einer Medienmigration (Migration von einem Archivsoftwareformat in ein anderes) noch einer Datenmigration (Konvertierung von einem Datenformat in ein neues) eine akzeptable Lösung. Ganz im Gegenteil: Die genannten Beispiele, die dabei nicht einmal auf den häufigen Fall von einfachen Band-Defekten eingehen, zeigen, was allein der Verzicht auf diese grundsätzlichen Maßnahmen für ein Unternehmen bedeuten kann. Besonders negativ wird es dann, wenn bei der Langzeitarchivierung auf Tapes nicht nur auf eine regelmäßige Medien- und/oder Datenkonvertierung komplett verzichtet wurde sondern auch auf die notwendige Anpassung der internen Archivierungsstrategie an die Besonderheiten von Magnetbändern.
Die Archivierungsstrategie muss auf die speziellen Anforderungen des Tape-Mediums angepasst sein. Denn Magnetbänder sind nicht nur äußerst langlebig, im Rahmen des Dark Data Mining sollte darüber hinaus eine kurzfristige Wiederherstellung von Inhalten gewährleistet werden. Neben den auch bei festplattenbasierten Archivsystemen zu beantwortenden Fragen nach dem Ende der rechtlichen Aufbewahrungsfristen oder der Archiv-Verantwortlichkeiten, muss hier besonders die notwendige Technologie-Anpassungen klar geregelt werden. Wenn nicht strategisch geplant wird, kommt es nicht nur bei einem geplanten Infrastruktur-Wechsel, sondern spätestens beim Versuch des Dark Data Minings zu Schwierigkeiten, die oft nur noch spezielle Datenrettungsunternehmen beheben können.
Mit Entdeckung und Erschließung bisher unerschlossener Tape-Schätze kommen weitere spezielle Herausforderungen auf Archiv-Verantwortliche in Unternehmen zu. Denn Langzeitarchivierung ist längst mehr als das bloße Ablegen von „ausgemusterten“ Daten in einem Speichersystem. Sie ist vielmehr Teil eines umfassenden Dokumentenmanagements und damit der Business Intelligence. Das Zugreifen auf altes Datenmaterial ist somit, wenn rechtlich einwandfrei, nicht mehr ausgeschlossen. Fehlende und häufig wechselnde Verantwortlichkeiten, mangelnde Organisation und Strukturen und fehlende Dokumentationen machen allerdings nicht nur den Zugriff auf archivierte Magnetbänder, sondern auch die Langzeitarchivierung von Unternehmensdaten zu einem Glücksspiel. Bisher geltende Verfahren, Daten aus Compliance-Gründen einfach ins Archiv zu verschieben und zu hoffen, dass sie nie wieder nachgefragt werden, sind somit endgültig passé.
* Christian Prella ist Key Account Manager für den Bereich Archivierung und Datenmanagement von Kroll Ontrack Deutschland.
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