Erfolgsmodell Open Source? Wie der offene Quellcode die IT-Branche revolutioniert 

Open Source hat sich seit seiner Entstehung zu einer festen Größe in der IT-Welt entwickelt. Heute findet sich offener Quellcode in nahezu allen Bereichen der Informationstechnologie. Aus einem anfänglichen Trend ist längst Commodity geworden. Doch Open Source ist weit mehr als nur eine Form der Software-Entwicklung. [...]

Björn Goerke, Chief Technology Officer der Proalpha Group (c) proALPHA
Björn Goerke, Chief Technology Officer der Proalpha Group (c) proALPHA

Linus Torvalds, Schöpfer von Linux, sagte auf einer Open-Source-Konferenz in Neuseeland vor einigen Jahren humorvoll: „Ich bin ein fauler Mensch, deshalb mag ich Open Source. Da machen andere Leute die Arbeit für mich.“ Open Source ist heute von großem Wert für Unternehmen. Laut einer Harvard-Studie, auf die sich die Open Source Business Alliance bezieht, hätte der Verzicht auf Open-Source-Software (OSS) enorme wirtschaftliche Konsequenzen: Denn Unternehmen weltweit müssten Lösungen entweder selbst entwickeln oder kostenpflichtig erwerben, wodurch Kosten von insgesamt 8,8 Billionen US-Dollar entstehen würden.

Die ursprüngliche Idee von OSS – die Zusammenarbeit vieler Entwickler, oft auf freiwilliger Basis, an einem Projekt – hat sich seit der Jahrtausendwende zu einer Kulturrevolution in der Software-Entwicklung entwickelt. Bestes Beispiel ist Linux: Als Torvalds im Jahr 1991 seinen Betriebssystemkernel frei zugänglich machte, schuf er die Grundlage für eine Zusammenarbeit, die ein herkömmliches Firmenteam kaum zu solchem Erfolg geführt hätte.

Der heutige Wert von Open Source zeigt sich auch an der Zahl der Entwickler, die auf der größten Open-Source-Plattform GitHub aktiv sind. Nach eigenen Angaben sind dort über 100 Millionen aktive Software-Entwickler präsent, von denen viele in Unternehmen fest angestellt sein dürften. Eine Analyse von Insider Monkey hat die Firmen mit der größten Zahl an GitHub-Kontributoren untersucht [3]. An der Spitze der IT-Konzerne steht Microsoft mit 5.708 aktiven Entwicklern und insgesamt 11.566 registrierten GitHub-Nutzern – und das, obwohl Microsoft früher als Verfechterin proprietärer Software galt. Platz zwei belegt Alphabet beziehungsweise Google mit 5.182 aktiven Entwicklern und 10.133 gesamt. Es folgen Red Hat und das Mutterunternehmen IBM mit 3.334 beziehungsweise 2.259 aktiven Entwicklern und 4.929 beziehungsweise 5.338 gesamt. Ebenfalls stark vertreten ist Intel mit 2.048 aktiven GitHub-Kontributoren und insgesamt 4.250 Entwicklern. Dies zeigt, wie stark etablierte Unternehmen heute in die Open-Source-Entwicklung eingebunden sind und wie sehr sie von ihrer Innovationskraft profitieren.

Open-Source-Software bleibt dabei für den Endnutzer oft unsichtbar. Während OSS zunächst in den unteren Schichten des Technologie-Stacks wie Betriebssystemen oder Datenbanken angefangen hatte, findet man sie heute auch in darüber- oder umliegenden Bereichen. Dazu zählen unter anderem Applikationsserver und -management, Entwicklungstools und -infrastruktur, Benutzeroberflächen sowie mobile Anwendungen. Heute reicht der Einfluss von OSS bis hin zur Bereitstellung als Cloud Managed Services.

Für Unternehmen eröffnet dies neue Möglichkeiten: Die Bereitstellung von OSS-Produkten als Managed Services in der Cloud sowie die dazugehörigen Wartungsleistungen schaffen innovative Geschäftsmodelle, die sich insbesondere für Firmen im Software- und IT-Sektor lohnen können.

OSS im deutschsprachigen Raum

Laut dem Open-Source-Monitor des Bitkom war OSS im Jahr 2023 in rund sieben von zehn deutschen Unternehmen (69 Prozent) im Einsatz. Die Daten zeigen einen klaren Aufwärtstrend, insbesondere im Vergleich zu den Vorjahren. Dabei variiert der Einsatz je nach Unternehmensgröße: Während etwa 68 Prozent der kleinen Unternehmen (20 bis 99 Beschäftigte) OSS verwenden, steigt der Anteil bei Großunternehmen (ab 2.000 Beschäftigten) auf 85 Prozent.

Eine aktuelle Studie aus der Schweiz zeigt weitere Trends auf. Seit der letzten Erhebung im Jahr 2021 verzeichneten Programmbibliotheken und Software-Frameworks wie .NET, Angular, React und Node.js einen Anstieg um 12 Prozentpunkte und stiegen von Rang sieben auf Platz zwei auf. Open-Source-Programmiersprachen wie Java, JavaScript oder Python werden mittlerweile von nahezu 87 Prozent der Schweizer Unternehmen und Organisationen eingesetzt. Auch Cloud-Technologien spielen eine zentrale Rolle: Lösungen wie Docker, Kubernetes, OpenShift oder OpenStack verzeichnen seit 2021 ein Wachstum von fünf Prozentpunkten, wobei die Nutzung von 69 auf 74 Prozent gestiegen ist.

Das kooperative Prinzip von OSS

Matt Mullenweg, Schöpfer von WordPress, brachte es einst auf den Punkt: „Technologie ist am besten, wenn sie Menschen zusammenbringt.“ OSS zeigt eindrucksvoll, dass Zusammenarbeit häufig zu größerem Erfolg als Konkurrenz führt. Open Source wäre jedoch nicht so erfolgreich, gäbe es nicht die belastbaren Strukturen, die von den Hauptakteuren geschaffen wurden und eine reibungslose Zusammenarbeit ermöglichen.

Heute gilt Open-Source-Coding als Vorzeigemodell für demokratische Prozesse in der Software-Entwicklung. Dabei können die Spielregeln streng sein, insbesondere wenn es um die Sicherheit der OSS geht. Dies geht auch aus dem Bitkom OSS Monitor 2023 hervor: Nur noch drei Prozent der Unternehmen verzichten darauf, Sicherheitslücken oder Updates gezielt zu prüfen – ein deutlicher Rückgang im Vergleich zu 23 Prozent im Jahr 2021.

Trotz seiner Vorteile bringt der Einsatz von OSS für Unternehmen auch Herausforderungen mit sich. Dazu gehören der Überblick über den Software-Lifecycle, die Überprüfung der Authentizität des Codes sowie Fragen zu Lizenzen, wie dem Spannungsfeld zwischen Copy-Left-Prinzip und permissiven Lizenzen. Ebenso sind klare Wartungsrichtlinien für OSS-Komponenten und ein effektiver Schutz vor Cyberbedrohungen unerlässlich.

Das Zusammenspiel von AI und Open Source 

Der Open-Source-Trend hat längst auch die Welt der Artificial Intelligence (AI) erreicht. Ein Meilenstein war im Jahr 2018, als Google mit BERT (Bidirectional Encoder Representations from Transformers) und OpenAI mit GPT-1 (Generative Pre-Trained Transformer) die Open-Source-Ära der AI einläuteten. Insbesondere Meta und Mark Zuckerberg sehen die Zukunft von AI in einem offenen Entwicklungsansatz: Das Unternehmen hat jüngst (Stand Juli 2024) bekräftigt, AI-Modelle auf Open-Source-Basis zu veröffentlichen.

So wie bisher Software unter Open-Source-Lizenzen veröffentlicht wurde, geschieht dies inzwischen auch mit AI-Modellen. Unternehmen, Forschungsinstitutionen und Entwickler-Communities stellen zunehmend AI-Modelle öffentlich bereit. Seit OpenAI im Jahr 2022 ChatGPT auf den Markt brachte, gibt es eine Flut an Ankündigungen neuer AI-Produkte und -Dienste, die auf Large Language Models (LLM) basieren. Open-Source-LLMs werden vielfach genutzt und weiterentwickelt, um AI-Prompts zu schaffen, die von geografischen Analysen über smarte Helfer im Gesundheitswesen bis hin zu intelligenten Informationsquellen für die Finanzbranche reichen.

Für den Endnutzer sind diese AI-Prompts oft kostenlos, doch sie beruhen auf Millionen Code-Zeilen an Open-Source-Software. Hier gilt ein altes Prinzip: „Garbage in, garbage out.“ Wenn minderwertige Daten verarbeitet werden, entstehen fehlerhafte Ergebnisse – sogenannte „Halluzinationen“. Hochwertige Eingabedaten sind daher essenziell, um verlässliche Resultate zu bekommen.

Sowohl für AI als auch für Open Source bleibt die Qualitätskontrolle ein entscheidender Erfolgsfaktor. Beide Technologien haben das Potenzial, unsere Welt nachhaltig zu verändern – aber nur, wenn sie auf einer soliden Grundlage aus qualitativ hochwertigen Daten aufbauen. Angesichts der wachsenden Komplexität in der IT und Technologie sollten Unternehmen dennoch bestrebt sein, betriebliche und organisatorische Herausforderungen nach dem Motto „Keep it simple“ so unkompliziert wie möglich anzugehen.

*Der Autor Björn Goerke ist Chief Technology Officer der Proalpha Group.


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